Dieter Wandschneider (RWTH Aachen Technical University, Germany) Warum gibt es Naturgesetze? (Why are there Laws of Nature?) SECTION: Philosophy of Nature LANGUAGE: german (for conference and publication an english translation will be prepared) BITTE BEACHTEN (PLEASE NOTE): #.........# = KURSIV (ITALICS)! Abstract Alle Naturwissenschaft enthält unumgänglich die Voraussetzung, dass die Natur sich #gesetzmäßig# verhält; andernfalls wäre Naturwissenschaft ein müßiges, sinnloses Unterfangen. Lässt sich für die Naturgesetzlichkeit selbst aber eine #Erklärung# geben? Diese Frage ist, denke ich, im Rahmen einer #objektiv-idealistischen# Philosophie, dh. einer Philosophie Platonisch-Hegelschen Typs, grundsätzlich beantwortbar: Entscheidend ist danach zum Einen der #Absolutheitscharakter# des Logisch-Ideellen (nicht identisch mit der formalen Logik) als unhintergehbare Basis der Philosophie. Wesentlich ist zum Andern der #dialektische Charakter# des Ideellen mit der Folge, dass zum Ideellen untrennbar das Nicht-Ideelle hinzugehört. Ist das Ideelle durch begrifflichen Zusammenhang bestimmt, so ist das Nicht-Ideelle demgegenüber als ein #Auseinander# charakterisiert, wie es empirisch in der raum-zeitlichen Struktur der #Natur# begegnet. In idealistischer Perspektive ist die Natur so als ein ewiges (dh. zeitenthobenes) #Begleitphänomen des Ideellen# zu verstehen. Als Nicht-Ideelles bleibt sie aber dialektisch an das Ideelle zurückgebunden, und das heißt: Ihrer #Erscheinung# nach ist die Natur ein raum-zeitliches Auseinander, dem aber wesenhaft Ideelles zugrunde liegt. Das #Wesen# der Natur ist danach das ihr zugrunde liegende Ideelle - eben die den Naturprozess bestimmende #Logik# oder die #Gesetzmäßigkeit# der Natur. - Konsequenzen hat diese Auffassung auch für die Frage bezüglich #Richtung und Ziel# der Evolution und, damit zusammenhängend, bezüglich des umstrittenen #anthropischen Prinzips#. * * * * * Alle Naturwissenschaft enthält unumgänglich die Voraussetzung, dass die Natur sich #gesetzmäßig# verhält; andernfalls wäre Naturwissenschaft ein müßiges, sinnloses Unterfangen. Lässt sich für die Naturgesetzlichkeit selbst aber eine #Erklärung# geben? Diese - sicher sehr 'abgehobene' - naturphilosophische Frage ist, denke ich, im Rahmen einer #objektiv-idealistischen# Philosophie, dh. einer Philosophie Platonisch-Hegelschen Typs[1] grundsätzlich beantwortbar. Dies soll im Folgenden - stark vereinfachend - angedeutet werden[2]: Entscheidend für die genannte Auffassung[3] ist zweierlei: zum Einen die #Absolutheit# einer Fundamentallogik, die als fundamentale allen bestimmten Logiksystemen zugrunde liegt; zum Andern der #dialektische# Charakter des Logischen - konkreter: Wesentlich ist zunächst, dass alle Wissenschaften Voraussetzungen haben: Sie setzen, neben Axiomen, Grundbegriffen, methodischen Prinzipien etc., immer auch die für alles wissenschaftliche Argumentieren benötigte Logik voraus. Das gilt insbesondere auch für die Logik selbst; auch diese setzt stets - Logik voraus. Die Logik setzt sich selbst voraus. Das heißt aber doch: Sie ist nicht durch Anderes, sondern allein durch sich selbst bedingt und in diesem Sinn #unbedingt#, #absolut#. Wer etwa geltend machte, die Logik müsse von einem #nicht-logischen# Standpunkt her begründet werden, übersieht, dass Begründen schon ein #innerlogisches# Verhältnis und eine logikexterne Begründung der Logik somit abwegig ist. Die Logik kann nur logisch begründet werden, dh. sie ist #selbstbegründend#, und das ist nur ein anderer Ausdruck für den #Absolutheitscharakter# der Logik. Zu beachten ist allerdings, dass das Gesagte nicht für irgendwelche 'Logiken' gilt, die, als #Konstrukte#, stets auch #konventionelle Elemente# enthalten. Selbstbegründung und damit Absolutheit kann es nur für jene #Fundamentallogik# geben, die allen Sonderlogiken als deren basale Bedingung vorausliegt. Die Fundamentallogik - und nur sie - ist in diesem Sinn als absolut erweisbar. Im Rahmen des objektiven Idealismus eines Platon oder Hegel steht sie daher für #das Göttliche#. "Die Logik", so formuliert Hegel in biblisierender Sprache, sei #"die Darstellung Gottes ..., wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist"# (Hegel 5.44)[4]. Wesentlich ist zum Andern der #dialektische Charakter# des Logisch-Ideellen. Dieser ergibt sich aus der Überlegung, dass zu einer positiven Bestimmung semantisch stets deren negatives Gegenstück hinzugehört - im Begriff des Seins ist implizit der des Nichtseins 'mitgesetzt', im Begriff der Identität der des Unterschieds, im Begriff des Endlichen der des Unendlichen etc. Es ist danach nicht möglich, das Positive in völliger Trennung vom Negativen rein für sich zu haben. Beides gehört intrinsisch zusammen, wobei dieser Zusammenhang selbst ein drittes Moment dieser Bestimmungsganzheit darstellt. Der dialektische Charakter des Logischen besteht grundsätzlich in dieser Dreiheit des Positiven, des Negativen und der Beziehung beider. Wesentlich für die Fundamentallogik ist somit - ohne dies jetzt näher ausführen zu können -, dass sie eine begriffliche Beziehungsganzheit bildet, die #Totalität# des Logischen, die als solche ein autonomes Reich darstellt und so kurz als #'das Ideelle'# bezeichnet werden kann. Auf der Grundlage dieser beiden Theoreme, der Absolutheit und der dialektischen Natur des Ideellen, kann nun - hier extrem verkürzt - folgendermaßen argumentiert werden: Die Absolutheit des Ideellen bedeutet, dass dieses, als selbstbegründend (s.o.), nicht von logikexternen Instanzen abhängig ist und in diesem Sinn aus sich selbst Bestand hat: ein fundamentales, schlechthin unhintergehbares, absolut notwendiges Sein - #das Ideelle als das Göttliche#. Nach dem #Gesetz der Dialektik# gehört zum Ideellen aber stets auch das #Nicht-Ideelle#. Was ist darunter zu verstehen? Ist für das Ideelle begriffliche #Einheit# wesentlich, dann ist das #Nicht-Ideelle# demgegenüber durch Nicht-Einheit, also #Vereinzelung# charakterisiert, wie sie empirisch im räumlich-zeitlichen Auseinandersein der materiellen Natur realisiert ist. Das Nicht-Ideelle ist objektiv-idealistisch als #Natur# zu identifizieren. Diese ist danach nicht etwas, das dem Göttlichen zeitlich nachfolgte oder ihm gar vorausginge. Die Natur, als das Nicht- Ideelle, das nach dem Gesetz der Dialektik untrennbar zum Ideellen hinzugehört, ist so vielmehr als ein #ewiges Begleitphänomen des Ideellen# zu verstehen - 'ewig' in einem überzeitlich-logischen Sinn - oder wiederum in religiöser Redeweise: Zu Gott gehört immer auch die Erschaffung der Welt; Gott kann nicht Gott ohne Schöpfung sein. Von daher lassen sich nun auch Aussagen über das #Natursein# machen, und damit kehren wir zur Ausgangsfrage dieser Überlegungen, die #Naturgesetze# betreffend, zurück: Wenn die Natur als das #Nicht#-Ideelle bestimmt ist, dann heißt das zum Einen, wie gesagt, dass sie, im Unterschied zum Ideellen, durch Auseinandersein charakterisiert ist. Als das 'Nicht- Ideelle' bleibt sie anderseits aber dialektisch an das #Ideelle# zurückgebunden, dh. als Negation des Ideellen bleibt sie notwendig auf das Ideelle bezogen, mit andern Worten: Die Natur #erscheint# wohl als das Nicht-Ideelle, aber ihrer Erscheinung liegt das Ideelle als ihr #Wesen# zugrunde. In der Tat gibt es so etwas wie eine #Logik# des Naturseins, die dessen Erscheinungsformen und Prozesse durchgängig bestimmt und deshalb auch das eigentliche Ziel wissenschaftlicher Forschung ist - die #Naturgesetze#. Die Gesetzmäßigkeit der Natur ist nichts anderes als das ihr zugrunde liegende #Logisch-Ideelle[5]#. Soweit in aller Kürze die objektiv-idealistische Argumentation bezüglich der Existenz einer durch Naturgesetze bestimmten Natur. Unmittelbare Konsequenzen daraus sind zum Einen die #Erkennbarkeit# der Natur; erkennbar deshalb, weil sie, ebenso wie das Denken, durch Logisch-Ideelles bestimmt ist. Ein schlechthin 'Denkfremdes' müsste dem Denken unerreichbar bleiben. Eine weitere Konsequenz der skizzierten Argumentation ist zum Andern die Einsicht, dass Erscheinung und Wesen des Naturseins nicht zusammenfallen: Das #jeweils realisierte# Natursein ist darum nie die ganze Natur, somit nichts Ewig-Unveränderliches, sondern ein Feld möglicher Veränderung, anders gesagt: Die Natur geht nicht in ihrer je faktischen Erscheinung auf, sondern enthält wesenhaft #Möglichkeit#, die ihrerseits aus der Naturgesetzlichkeit, als dem ihr zugrundeliegenden Wesen stammt. Diese im Natursein enthaltene Möglichkeitsdimension tritt etwa in der Evolution oder auch in der Technikentwicklung in aller Deutlichkeit zutage. Die skizzierte Argumentation hat ferner gezeigt, dass die Natur, als ein ewiges Begleitphänomen des Ideellen, von diesem abhängig und damit selbst nichts Unbedingtes, sondern #bedingt# ist, oder wiederum in religiöser Redeweise: Nur Gott ist absolut, die Schöpfung hingegen ist durch Bedingtheit charakterisiert. Wird die Absolutheit Gottes als 'Vollkommenheit' gedeutet, so ist die Welt demgegenüber notwendig unvollkommen. Dies führt unmittelbar auf das #Theodizeeproblem#, das Problem der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt, das Theologen und Philosophen jahrhundertelang umgetrieben hat: Wie konnte ein allmächtiger Gott eine derart unvollkommene Welt schaffen (wobei Gottes Allmacht und die Willensfreiheit des Menschen in diesem Zusammenhang ein weiteres Dilemma markieren)? Leibniz hat darauf die Antwort gegeben, dass Gottes Schöpfung begreiflicherweise keine #Kopie# Gottes sein konnte (denn dann hätte man zwei allmächtige Götter), sodass sie notwendig hinter seiner Vollkommenheit zurückbleiben musste[6]. Doch warum hat er dann die Erschaffung einer notwendig unvollkommenen Welt nicht unterlassen? Die Antwort auf #diese# Frage ist Leibniz - und imgrund die gesamte Philosophie - schuldig geblieben. Die einzige mir bekannte Ausnahme bildet diesbezüglich die angedeutete objektiv-idealistische Auffassung vom Hegelschen Typ: Aufgrund des #dialektischen# Charakters des Ideellen, und das heißt #aus logischen Gründen,# gehört zum Ideellen #untrennbar# auch das Nicht-Ideelle, zum Absoluten somit auch das Nicht-Absolute, die Natur. In dialektischer Perspektive ist nun nicht nur das Ideelle und die Natur als das ihm entgegengesetzte Nicht-Ideelle, sondern drittens auch das beide zusammenschließende #synthetische Moment# wesentlich. In Hegelscher Deutung ist dies #der Geist#, der so grundsätzlich als Synthese von Idee (Ideellem) und Natur charakterisiert ist. Der in einem einzelnen Menschen realisierte Geist ('subjektiver Geist')[7] ist ein Exempel dafür: Er ist einerseits zur Erfassung logisch-ideeller Zusammenhänge befähigt, zum andern an einen Leib, dh. ein Naturseiendes gebunden. Die Existenz derartiger Geiststrukturen ist nach dem Gesetz der Dialektik als notwendig zu begreifen. Das heißt dann aber auch, dass die #Naturgesetze# gerade so beschaffen sein müssen, dass sie solche 'geistförmigen' Idee-Natur-Synthesen zulassen. Man kann in diesen Zusammenhang an die Evolution denken[8], die zuletzt auch den menschlichen Geist hervorgebracht hat. Der #Mensch#, als geistiges Wesen, wäre so gewissermaßen als #Ziel der Evolution# zu begreifen, und die Naturgesetze, die den Evolutionsprozess ermöglichen und bestimmen, müssten gerade #so-beschaffen# sein, dass dieses Ziel erreichbar ist und auch erreicht wird: In diesem zweifellos sehr weitgehenden, hochspekulativen Theorem wird das gegenwärtig immer wieder - und sehr kontrovers - diskutierte #anthropische Prinzip# erkennbar, das physikalisch nicht mehr begründbar ist, im Rahmen einer objektiv-idealistischen Naturontologie aber gute Argumente für sich hat. Die hier skizzierte Position dürfte #auch theologisch# von Interesse sein, was im Übrigen durch die von Hegel selbst ausgearbeitete Religionsphilosophie[9] hinlänglich bezeugt ist. Im vorliegenden Zusammenhang allerdings ging es vor allem darum, eine philosophische Begründung für die Existenz einer #gesetzmäßig verfassten Natur# plausibel zu machen - eine Begründung, die die Theologie selbst, so darf die Philosophie wohl ohne Selbstüberhebung feststellen, nicht zu leisten vermag, die aber dennoch unmittelbar theologisches Interesse besitzt. Kann Gott danach als Schöpfer der Natur#gesetze# geltend gemacht werden, die ihrerseits als unumgängliche Voraussetzung aller Naturwissenschaft zu begreifen sind, so ist damit ferner auch ein #gemeinsamer Nenner von Theologie und Naturwissenschaft# gefunden. Eine zeitgemäße Theologie sollte dies als eine Chance verstehen in dem Sinn, dass Theologie und Wissenschaft so geradezu ein gemeinsames Thema hätten. Gegenstand eines hübschen Gemeinschaftsprojekts (eine Beteiligung der Philosophie wäre hier gewiss nicht abwegig) könnte beispielsweise eben jenes anthropische Prinzip sein, wobei der Titel eines solchen Symposiums dann vielleicht #'Über das Göttliche in der Natur'# lauten könnte. A N M E R K U N G E N [1] Im Unterschied zum 'subjektiven Idealismus', etwa Fichtes, der heute als eine nicht haltbare Position gelten muss. [2] Vgl. hierzu auch: #Dieter Wandschneider#, Über das Göttliche in der Natur. Das Theologie und Naturwissenschaft Gemeinsame in philosophischer Perspektive, in: #Daecke, S. M./ Schnakenberg, J.# (ed.), Gottesglaube - ein Selektionsvorteil? Religion in der Evolution - Natur- und Geisteswissenschaftler im Gespräch. Gütersloh 2000 [3] Entsprechend dem Charakter der folgenden skizzenhaften Ausführungen sei lediglich auf einige Arbeiten des Verfassers hingewiesen: #Dieter Wandschneider#, Die Absolutheit des Logischen und das Sein der Natur. Systematische Überlegungen zum absolut-idealistischen Ansatz Hegels, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 39 (1985) // Die Stellung der Natur im Gesamtentwurf der Hegelschen Philosophie, in: #Michael John Petry# (Hg.), Hegel und die Naturwissenschaften, Stuttgart 1987 // Der überzeitliche Grund der Natur. Kants Zeit-Antinomie in Hegelscher Perspektive, in: prima philosophia, Bd. 2 (1989) // Das Problem der Entäußerung der Idee zur Natur bei Hegel, in: Hegel-Jahrbuch 1990 // G.W.F. Hegel - Philosophie als strenge Wissenschaft, in: #Karl-Siegbert Rehberg/Frank-Rutger Hausmann# (Hg.) Klassiker der Wissenschaften, Aachen 1995 // Grundzüge einer Theorie der Dialektik. Rekonstruktion und Revision dialektischer Kategorienentwicklung in Hegels 'Wissenschaft der Logik', Stuttgart 1995 // Das Problem der Emergenz von Psychischem - im Anschluss an Hegels Theorie der Empfindung, in: #Vittorio Hösle/ Peter Koslowski/ Richard Schenk# (Hg.), Jahrbuch für Philosophie des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover 1999, Bd. 10, Wien 1998. [4] Zitationen dieser Art verweisen hier und im Folgenden auf: #Georg Wilhelm Friedrich Hegel#, Werke, hg. #Eva Moldenhauer/ Karl Markus Michel#, Frankfurt/M. 1969 ff., hier Bd. 5, S. 44. [5] "Das Ansich der Natur sind die Gesetze der Natur ... das ist ihr Substantielles" (Hegel 17.252). [6] Es gibt eine "ursprüngliche Begrenzung, die das Geschöpf vom ersten Anfang seines Seins an infolge der Beschränkung durch die idealen Gründe erhalten musste. Denn Gott konnte ihm nicht alles geben, ohne es zum Gott zu machen; es musste also verschiedene Grade in der Vollkommenheit der Dinge geben und Beschränkungen aller Art" (#Gottfried Wilhelm Leibniz#, Die Theodizee, I. Teil, Nr. 31). [7] Andere Formen des Geistes sind nach Hegel als Gesellschaftsstrukturen ('objektiver Geist') sowie in Kunst, Religion und Philosophie ('absoluter Geist') realisiert. [8] Hegel selbst stand dem Evolutionsgedanken eher ablehnend gegenüber, obwohl sich dieser, recht verstanden, hervorragend in die objektiv-idealistische Naturontologie einfügt; hierzu #Dieter Wandschneider#, Hegel und die Evolution (im Erscheinen). [9] Hegel, Bd. 16 und 17. 0 5