Der Perspektivismus und die direkte Selbstbejahung - Der grundlegende Standpunkt der Nietzscheschen Philosophie - KISHI, Takayuki (Die Universitat Tokyo) In diesem Beitrag handelt es sich um die Prufung des grundlegenden Standpunktes in der Philosophie Nietzsches. Es wird zunachst mit seiner Selbstbestimmung in Ecce Homo angefangen, nach der dieser Standpunkt von ihm "Perspektivismus" genannt wird, und zwar in der Formel: "Alles ist Interpretation". Jedoch gib es hier zwei Probleme: erstens in bezug auf dessen Objektivitat und zweitens in bezug auf seine Uberzeugung als solche. Meiner Meinung nach kann die Objektivitat des Perspektivismus wohl versichert werden, aber dieser ?objektive' Perspektivismus mus doch als grundlegender Standpunkt aufgegeben werden. Das erste Problem wird anhand von JGB22 verhaltnismasig einfach gelost, und in bezug auf das zweite ergibt sich dessen Losung aus Schlus des Perspektivismus als solches: Der Perspektivismus fuhrt zur Welt der "Unschuld des Werdens", wo alle Perspektiven als solche bejaht werden, und zwar auch der Kampf gegeneinander, wie in GM1-13 mit dem Gleichnis von "Lammer und Raubvogeln" beschrieben wird. Trotzdem sind es nicht die Rauvogel, sondern die Lammer, die in Wirklichkeit gesiegt haben. Wenn so, muss er fur den Sieg der Lammer sein, wie "ein "Freigeist""(GM1-9) sagt. Da er jedoch dagegen ist, muss sein eigentlich grundlegender Standpunkt sein, was trotz des Sieges der Lammer den Vorrang der Raubvogel garantiert. Den Schlussel dazu finde ich in Nietzsches Behauptung in GM1-10, denn sie kommt nach dem Ignorieren "eines "Freigeistes"". Was wird dann dort behauptet? Dass die "Sklaven-Moral" aus dem Nein-sagen zum Nicht-selbst herauswachst, wahrend "alle vornehme Moral" aus dem Ja-sagen zu sich selber. Hier gibt es daher den eigentlich grundlegenden Standpunkt in seiner Philosophie. Der Perspektivismus und die direkte Selbstbejahung - Der grundlegende Standpunkt der Nietzscheschen Philosophie -* KISHI, Takayuki(Die Universitat Tokyo) 1.Der Perspektivismus als der grundlegende Standpunkt seiner Philosophie Im ersten Abschnitt des Kapitels Warum ich so weise bin von Ecce Homo nennt Nietzsche seinen Grundcharakter, "Perspektiven umzustellen" **, und nach ihm sei dieser der "erste Grund", der "die Umwerthung der Werthe" als seine Grundaufgabe ermoglicht. Im dritten Abschnitt desselben Kapitels findet man auch die Ausdrucke wie "das ?zweite' Gesicht" oder "ein Blick [...] jenseits aller [...] bedingten Perspektiven"***, die nach Nietzsche auch seinem Grundcharakter gehort, und daruber hinaus benutzt Nietzsche in anderen Stellen den Ausdruck "Perspektivismus" (u.a. VIII 7[60]), der mit der Formel "alles ist Interpretation" zusammengefast werden kann. M.a.W.: Es ist der Perspektivismus, der die Moglichkeit seines Grundcharakters versichert. In diesem Sinne konnte man diesen Perspektivismus zunachst einmal den grundlegenden Standpunkt seiner Philosophie nennen. 2. "Schlagkraft" des Perspektivismus Diese Formel des Perspektivismus macht nun auch den Grund seiner Kritik an die herkommlichen Wahrheitsbegriffe aus, die Nietzsche zu seinen Hauptthemen zahlt, und insofern kann jeder Standpunkt, einschlieslich desselben von Nietzsche selbst, keine objektive Wahrheit sein, ja keine Objektivitat versichert. "Wie weit der perspektivische Charakter des Daseins reicht oder gar ob es irgend einen andren Charakter noch hat, ob nicht ein Dasein ohne Auslegung, ohne "Sinn" eben zum "Unsinn" wird, ob, andrerseits, nicht alles Dasein essentiell ein auslegendes Dasein ist ― das kann, wie billig, auch durch die fleissigste und peinlich-gewissenhafteste Analysis und Selbstprufung des Intellekts nicht ausgemacht werden: da der menschliche Intellekt bei dieser Analysis nicht umhin kann, sich selbst unter seinen perspektivischen Formen zu sehn und nur in ihnen zu sehn."(FW374) Auf diese Weise ist die "Schlagkraft" des Perspektivismus riesig und es ist darum nur ein Schritt bis zum Relativismus. In Wirklichkeit ist es moglich, seine Meinung als den "Abbau des Absoluten zum Relativen (od. der Objektivitat zur Subjektivitat)" zu verstehen, dass also der bisherige Wahrheitsbegriff blos eine Auffassung sei. Da wir denken, dass diese Kritik des Wahrheitsbegriffs einer der Kerngedanken in seiner Philosophie ist, konnen wir verstehen, dass seine Philosophie den Relativismus positiv sieht (z.B. das Eintreten des "Polytheismus" in FW 143). 3: Zwei Probleme Dieser Standpunkt hat jedoch zunachst zwei Probleme: 1. Wie kann dieser Perspekivismus selbst dessen Wahrheit (d.h. Objektivitat) begrunden? 2. Intendiert seine Philosophie (trotz der Schlagkraft des Perspekivismus) vielmehr nicht die Verneinung des Relativismus? 4. Meine Meinung Zu diesen Fragen mochte ich folgendes sagen: Man kann die Objektivitat des Perspekivismus behaupten, der den Abbau der Objektivitat vorbereitet. Deswegen ist die Objektivitat des Relativismus zu begrunden. Trotzdem intendiert seine Philosophie die Verneinung des Relativismus. Durch die Erklarung dieser Meinung mochte ich den eigentlich grundlegenden Standpunkt nicht als Perspektivismus sondern als direkte Selbstbejahung charakterisieren. 4-1: Die Begrundung der Objektivitat des Perspektivismus Nun, das erste Problem oben ist mit Hilfe von JGB22 zunachst relativ einfach zu bereinigen. Am betreffenden Ort, nachdem er gemeint hat, dass die "Gesetzmassigkeit der Natur", von der Physiker reden, kein "Thatbestand" sondern nur "Interpretation" sei, und, dass es Moglichkeiten von anderen Interpretationen gebe, meint er uber diese seine Meinung: "Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist --- [---] -- nun, um so besser. --" (JGB22) Das heist, das positive Zugeben selbst, dass auch seine Meinung ("Alles ist Auffassung.") selbst eine Auffassung ist, erhartet die Richtigkeit seiner Meinung. Auf diese Weise ist die Objektivitat des Relativismus begrundet, so kann man sagen. 4-2-1: Die Folge des Perspektivismus Aber wenn so, die Objektivitat des Perspektivismus sollte umso mehr verstarkt werden. In Wirklichkeit ubt er Kritik am Begriff Gott als dem Absoluten oder am Begriff Ding an sich, indem er auf dem Standpunkt des Perspektivismus steht. Durch die Verneinung von An-sich bejaht er die "Unschuld des Werdens". "Die Welt ist uns vielmehr noch einmal "unendlich" geworden: insofern wir die Moglichkeit nicht abweisen konnen, dass sie unendliche Interpretationen in sich schliesst."(FW374) Er bejaht daher Streit bzw. Kampf. Denn durch den Perspektivismus sind das Dasein sowohl der objektiven Wahrheit als auch des absoluten Gottes schon verneint, die fruher sozusagen "Richter" gewesen sind. So bejaht er durch die Bejahung aller Perspektiven auch Streit bzw. Kampf zwischen ihnen. "Ein solcher freigewordner Geist steht mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus mitten im All, im Glauben, dass nur das Einzelne verwerflich ist, dass im Ganzen sich Alles erlost und bejaht -- er verneint nicht mehr... Aber ein solcher Glaube ist der hochste aller moglichen Glauben: ich habe ihn auf den Namen des Dionysos getauft. --"(GD-Streifzuge49) Und das Gleichnis von "Lammer und Raubvogel" in GM1-13 lasst sich als ein Beispiel anfuhren, das seinen solchen Standpunkt bezeichnet. "Dass die Lammer den grossen Raubvogeln gram sind, das befremdet nicht: nur liegt darin kein Grund, es den grossen Raubvogeln zu verargen, dass sie sich kleine Lammer holen. Und wenn die Lammer unter sich sagen ?diese Raubvogel sind bose; und wer so wenig als moglich ein Raubvogel ist, vielmehr deren Gegenstuck, ein Lamm, ―sollte der nicht gut sein?' so ist an dieser Aufrichtung eines Ideals Nichts auszusetzen, sei es auch, dass die Raubvogel dazu ein wenig spottisch blicken werden und vielleicht sich sagen: ?wir sind ihnen gar nicht gram, diesen guten Lammern, wir lieben sie sogar: nichts ist schmackhafter als ein zartes Lamm.'"(GM1-13) Nach dem Gleichnis da haben die Lammer ihre eigene Perspektive und die Raubvogel akzeptieren die Richtigkeit der Perspektive von jenen fur jene. Diese bejahen die Perspektive von jenen, die diese verneint. Und diese holen jene sich. Die Raubvogel verneinen also keine Perspektive. Und sie nehmen aktiv den Kampf an und siegen. Hier ist der Perspektivismus, daher der Relativismus, erhalten und weitergefuhrt. Insofern Nietzsche dies Beispiel bejaht, scheint es, dass man sagen kann, dass der Perspektivismus im Grunde seiner Philosophie liegt. 4-2-2: Abschaffung des Perspektivismus Dennoch wird dieser Standpunkt abgeschafft, weil er gegen den Sieg der Lammer steht, obwohl es nicht der Raubvogel sind, sondern die Lammer sind, die im Kampf wirklich gesiegt haben. Man kann ebenfalls durch GM1 urteilen, dass er sich dessen voll bewust ist. Er getraut sich, "einen ?Freigeist'"im neunten Abschnitt erscheinen zu lassen, der mit dem Sieg der Lammer gegen die Raubvogel ihre Richtigkeit behauptet. Und das ignoriert Nietzsche. ""Aber was reden Sie noch von vornehmeren Idealen! Fugen wir uns in die Thatsachen: das Volk hat gesiegt ― oder "die Sklaven", oder "der Pobel", oder "die Heerde", oder wie Sie es zu nennen belieben ― wenn dies durch die Juden geschehen ist, wohlan! [---] "Die Herren" sind abgethan; die Moral des gemeinen Mannes hat gesiegt. [---] Alles verjudelt oder verchristlicht oder verpobelt sich zusehends (was liegt an Worten!). [---]" ― Dies der Epilog eines "Freigeistes" zu meiner Rede"(GM1-9) Wenn so, man kann nicht sagen, dass er Streit bzw. Kampf vollig bejaht. Sondern es muss seinen eigentlich grundlegenden Standpunkt trotz des Sieges der Lammer den Vorrang der Raubvogel garantieren. 4-2-3: Vom Perspektivismus zur direkten Selbstbejahung Und meines Erachtens liegt der Schlussel zu diesem Standpunkt in GM1-10. Seine Meinung steht da namlich direkt nach der Ignorierung der Meinung des "Freigeistes" im neunten Abschnitt. Was ist da also gemeint? "Wahrend alle vornehme Moral aus einem triumphirenden Ja-sagen zu sich selber herauswachst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem "Ausserhalb", zu einem "Anders", zu einem "Nicht-selbst": und dies Nein ist ihre schopferische That. Diese Umkehrung des werthesetzenden Blicks -- diese nothwendige Richtung nach Aussen statt zuruck auf sich selber -- gehort eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Aussenwelt [---] -- ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion. Das Umgekehrte ist bei der vornehmen Werthungsweise der Fall: sie agirt und wachst spontan, sie sucht ihren Gegensatz nur auf, um zu sich selber noch dankbarer, noch frohlockender Ja zu sagen"(GM1-10) Da ist es aufgewiesen, dass die "Sklaven-Moral" (Lammer-Perspektive) aus einem Nein-sagen zu einem Nicht-selbst herauswachst, wahrend "alle vornehme Moral" (Raubvogel-Perspektive) aus einem Ja-sagen zu sich selber kommt. D.h., wahrend das Wesen der "vornehmen Moral", die er bejaht, die direkte Selbstbejahung ist, ist das der "Sklaven-Moral", die er kritisiert, die indirekte Selbstbejahung: die Selbstbejahung durch Verneinung zu einem Nicht-selbst oder die Selbstbejahung durch Selbstverneinung, wenn man den Vorgang des Aufkommens des "schlechten Gewissens" in GM2-16 heranzieht. 4-2-4: Die direkte Selbstbejahung als der eigentlich grundlegende Standpunkt der Nietzscheschen Philosophie Auf diese Weise wird die direkte Selbstbejahung als der eigentlich grundlegende Standpunkt seiner Philosophie beschrieben. Deswegen wird auch vermutet, dass das Prinzip, das im Grunde seine Philosophie- und Moralkritik bestimmt, in Wirklichkeit kein Perspektivismus ist, und auch, dass es die Weise der Selbstbejehung ist, die da wirklich in die Frage steht. 4-2-5: Die Feststellung Was wir hier feststellen, konnen wir auch aus dem folgenden Zitat sehen, namlich dass er (gegen den Perspektivismus) die Objektivitat dieses seines Standpunktes der direkten Selbstbejahung behaupten will, das der Folge des Perspektivismus widerspricht, das sein eigener grundlegender Standpunkt ist, d.h., dass er dieser sein Standpunkt behaupten will, als was nicht nur fur ihn, sondern auch fur alle gelten muss: "Dass die Kranken [Lammer] nicht die Gesunden [Raubvogel] krank machen [---] das sollte doch der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein: [---] --- das Horere soll sich nicht zum Werkzeug des Niedrigeren herabwurdigen [---] ! Ihr [Gesunde] Recht, dazusein, [---] ist ja ein tausendfach grosseres:"(GM3-14) 5: Schlus Auf diese Weise, obwohl es uns einmal schien, dass der Perspektivismus der grundlegende Standpunkt seiner Philosophie ist, insofern wir der Beschreibung in Ecce Homo folgen, wurde es uns klar, dass die direkte Selbstbejahung vielmehr als der Perspektivismus der eigentlich grundlegende Standpukt seiner Philosophie ist, nachdem wir Zur Genealogie der Moral herangezogen hatten. * Diese kleine Abhandlung ist die Zusammenfassung der Abhandlung, die auf Japanisch am 19. Mai 2002 in der 61. Tagung der Japanischen Philosophie-Gesellschaft gelesen wurde, die in Kyushu Universitat stattfand. ** In dieser Abhandlung werden Nietzschezitate nach der Gruyter-Ausgabe (KGW/KSA) nachgewiesen. KGW: Nietzsche Werke. Kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Giorgio COLLI und Mazzino MONTINARI, Berlin, Walter de Gruyter, 1967ff. KSA: Nietzsche samtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Banden, herausgegeben von Giorgio COLLI und Mazzino MONTINARI, Berlin, Walter de Gruyter, 1988, 2., durchgesehene Auflage *** Uber diesen dritten Abschnitt gibt es wie bekannt ein textkritisches Problem. Siehe daruber KSA Bd.14 S.460-463. Nach dem Kontext sowie der Entstehungszeit finde ich den alten Text passender als der neue, namlich von der KGW aufgenommenen.