Johannes Münster email: muenster@medea.wz-berlin.de Drei Typen skeptischer Argumente Thema dieses Aufsatzes sind Argumente für den Skeptizismus bezüglich der Außenwelt, der besagt, dass wir nichts über die uns umgebende Welt wissen können. Diese Argumente machen Gebrauch von skeptischen Hypothesen: Vielleicht ist alles, was wir zu erleben glauben, nur ein Traum, oder vielleicht sind wir in den Fängen eines überaus mächtigen bösen Dämons, der uns systematisch in die Irre führt. Die Pointe an der Einführung der skeptischen Hypothesen ist natürlich die Frage, woher wir wissen können, dass sie nicht wahr sind. Und wenn wir nicht einmal das wissen, wie sollen wir denn dann irgend etwas wissen? Derartigen skeptische Argumente wird manchmal vorgeworfen, dass sie die ungültige Schlussregel "Wenn für alle x gilt, dass sie möglicherweise die Eigenschaft F haben, dann haben möglicherweise alle x die Eigenschaft F." (Dass dies ein Fehlschluss ist, sieht man z. B. an folgendem Gegenbeispiel. Jeden einzelnen Baum einer Allee kann man fällen, und dennoch bleibt die Straße eine Allee. Aber man kann nicht alle Bäume fällen, ohne dass aus der Allee eine trostlosere Straße wird.) Es gibt tatsächlich berühmte Texte in der Geschichte der Philosophie, in denen dieser Fehlschluss vorkommt. Aber nicht alle skeptischen Argumente haben diesen Fehler; insbesondere verwendet keines der skeptischen Argumente, die ich im folgenden diskutieren möchte, diesen Fehlschluss. Aber die Erinnerung an diesen Fehlschluss legt eine wichtige Frage nahe. Daraus, dass für jeden einzelnen Fall von angeblichem Wissen gelten mag, dass er vielleicht doch kein Wissen ist, folgt nicht, dass möglicherweise unser gesamtes Wissen nur scheinbar Wissen ist. Wie also funktioniert in den skeptischen Argumenten der Übergang zu der Konklusion, dass es gar kein Wissen gibt? Man muss hier zwischen drei Typen skeptischer Argumente unterscheiden.. Diese Typen unterscheiden sich darin, wie ihnen der fragliche Schritt gelingt. Sie unterscheiden sich in den verwendeten Prämissen und sind deshalb unterschiedlichen Einwänden ausgesetzt. Ein erster Typ von Argumenten verwendet globale skeptische Hypothesen. Das sind vollständige Neubeschreibungen unserer kausalen Einbettung in die uns umgebende Welt. Descartes täuschender Dämon ist ein Beispiel. Der Film "Matrix" bietet eine modernere Variante. Solche skeptischen Hypothesen stellen die Gesamtheit unseres Wissens von der uns umgebenden Welt in Frage, da von ihnen gilt: Wenn sie wahr wären, wäre (beinahe) alles, was wir von der uns umgebenden Welt zu wissen glauben, in Wirklichkeit schlicht falsch. Gegen diesen Typ skeptischer Argumente sind vor allem zwei Punkte immer wieder eingewandt worden. Erstens lässt sich die innere Konsistenz dieser Art von skeptischen Möglichkeiten bezweifeln. Solche Einwände haben u.a. Putnam, Dretkse und Davidson ausgehend von einem semantischen Externalismus in der Sprachphilosophie vorgebracht. Zweitens stellt sich die methodologische Frage, welche Relevanz derartig ausgefallene Gedankenexperimente in der Philosophie haben können und welche Rolle wir ihnen zuschreiben sollten. Diese beiden Kritikansätze greifen nicht gegen Argumente, in denen keine globalen skeptischen Hypothesen verwendet werden. Die beiden anderen Typen von skeptischen Argumenten, die ich untersuche, verwenden keine globalen skeptischen Hypothesen. Sie sind diesen Vorwürfen deshalb nicht ausgesetzt. In ihnen spielen nur lokale skeptische Hypothesen eine Rolle: Etwa, dass eine Person in einer bestimmten Situation nicht wach ist, sondern träumt. Die Wahrheit so einer lokalen skeptischen Hypothese ist verträglich mit der Wahrheit des größten Teils unserer Überzeugungen über die Außenwelt. Der zweite Typ skeptischer Argumente verwendet die Idee einer epistemisch optimalen Situation, um aus der Unausschließbarkeit lokaler skeptischer Hypothesen für den Skeptizismus zu argumentieren. In einer sehr ausgereiften Form findet sich dieser Typ von Argument in Stroud. Dieser Typ von skeptischem Argument zielt darauf, an einem geschickt gewählten Beispiel zu zeigen, dass kein Wissen von der Außenwelt vorliegt, und argumentiert dann weiter: Wenn schon in diesem Fall kein Wissen vorliegt, dann haben wir in gar keinem Fall Wissen. Ein Beispiel ist die bekannte Situation aus der ersten Meditation von Descartes. Descartes sitzt am Kamin und überlegt sich, ob er weiß, dass er dort am Kamin sitzt, das Feuer sieht usw. Dieses Beispiel ist gerade so gewählt, dass von ihm gilt: Wenn Descartes in dieser Situation nicht weiß, dass er am Feuer sitzt, dann weiß er niemals etwas über die ihn umgebende Welt. Denn in dem Beispiel sind die Bedingungen, in denen Descartes sich befindet, so gut, wie sie nur sein können, um etwas über die ihn umgebenden Dinge zu wissen; z. B. sind Kamin und Feuer nicht weit entfernt von ihm, und gut genug beleuchtet, so dass die Wahrscheinlichkeit einer Sinnestäuschung denkbar gering ist. Dennoch, so geht das Argument weiter, weiß Descartes nicht, dass er dort am Feuer sitzt, denn um das zu wissen, müsste er die lokalen skeptischen Hypothesen ausschließen können, und das kann er nicht einmal in dieser epistemisch optimalen Situation. Dieser anhand einer optimalen epistemischen Situation operierende Typ von skeptischen Argumenten hat meines Erachtens eine entscheidende Schwäche. Diese kommt zum Vorschein, wenn man versucht, solche Argumente anhand von sich selbst - und nicht Descartes oder sonst einer dritten Person - in der Beispielsituation zu durchdenken. Man stelle sich also vor, dass man sich in einer optimalen epistemischen Situation befindet, um etwas über die Außenwelt zu wissen. Dann ergibt sich folgendes Problem: Entweder man weiß auch, dass man sich gerade in einer optimalen epistemischen Situation befindet. Dann muss es zumindest wahr sein, dass man sich darin befindet; man kann dann also gerade nicht in den Fängen des Dämons oder im Traum sein. Die skeptischen Hypothesen müssen falsch sein. Mehr noch: Man kann dann aus seinem eigenen Wissen, dass man jetzt gerade in einer optimalen Situation ist, schließen, dass die skeptischen Hypothesen falsch sind. Denn schließlich wissen wir, dass zu einer optimalen epistemischen Situation gehört, nicht zu träumen; wenn einer weiß, dass er in einer solchen optimalen epistemischen Situation ist, dann weiß er aufgrund der Geschlossenheit von Wissen unter bekannter Implikation folglich auch, dass er nicht träumt. Wenn man also weiß, dass man sich gerade in einer optimalen epistemischen Situation befindet, dann kann man aus diesem Wissen heraus die skeptischen Hypothesen ausschließen, und das Argument scheitert aus diesem Grund. Wenn man andererseits nicht weiß, dass man sich jetzt gerade in einer optimalen epistemischen Situation befindet, dann kann man daraus, dass man in der gegenwärtigen Situation kein Wissen hat, auch nicht schließen, dass man in gar keiner Situation etwas über die Außenwelt weiß. Diesen Einwand kann man auch noch ein wenig anders formulieren. Wenn die Konklusion des Argumentes wahr ist, dann kann man nicht wissen, ob man jetzt gerade in einer optimalen epistemischen Situation ist. Denn: Das in-einer-optimalen-epistemischen-Situation-Sein ist eine Tatsache über die Welt und nicht nur darüber, wie einem die Welt zu sein scheint. Es gibt in vielen Fällen einen großen Unterschied zwischen "allem Anschein nach in einer optimalen epistemischen Situation sein" und "wirklich in einer optimalen epistemischen Situation sein". Wenn man aber nicht weiß, dass man jetzt gerade in einer optimalen epistemischen Situation ist, dann gibt es auch keinen Grund, eine Prämisse des Argumentes - nämlich: "wenn ich in dieser Situation nicht weiß, dass ich mit einem Papier in der Hand am Feuer sitze, dann weiß nie jemand etwas aufgrund von Wahrnehmung über die Außenwelt" - zu akzeptieren. Das Argument ist also in folgendem Sinn selbstwiderlegend: Eine der Prämissen kann nicht gewusst werden, wenn die Konklusion wahr ist. Natürlich könnte man die kritische Voraussetzung Ich bin gerade in einer optimalen epistemischen Situation, um etwas über die Welt zu wissen. auch wie folgt lesen: Ich bin allem Anschein nach (soweit ich dies aufgrund meiner bewussten gegenwärtigen Erfahrungen und sonstigen Inhalte meines Bewusstseins sagen kann) in einer optimalen epistemischen Situation, um etwas über die Welt zu wissen. Dann gibt es keinerlei Probleme mit der Wissbarkeit dieser Voraussetzung. Aber dann ist die andere kritische Prämisse des Arguments- wenn es in dieser Situation kein Wissen gibt, dann gibt es überhaupt nie Wissen - nicht mehr plausibel. Denn mit dieser abgeschwächten Lesart ist es durchaus verträglich, dass die eigene Situation eben nicht epistemisch optimal ist. Zum Beispiel aus dem im weiteren Verlauf der Argumentation genannten Grund, dass ich gerade einen realistischen Traum habe. Gegen diese Kritik könnte man einwenden, sie beträfe nur den Fall, in dem man das Argument anhand der eigenen Person durchdenke. Wir könnten aber von einem anderen wissen, dass er gerade in einer optimalen epistemischen Situation ist. Und dennoch mag es so sein, dass er dies nicht weiß - genauso wenig wie irgend etwas anderes über die ihn umgebende Welt. Setze man dann hinzu, dass wenn er in dieser Situation kein Wissen hat, es dann überhaupt keines gibt, hätten wir eine funktionierende Variante des Argumentes. Aber auch dieses modifizierte Argument ist selbstwiderlegend. Denn natürlich ist es ein Wissen über die Außenwelt, dass ein Anderer sich gerade in einer optimalen epistemischen Situation befindet. Dieses Wissen können wir aber prinzipiell nicht haben, wenn die Konklusion des Argumentes stimmen sollte. Aus meinem Einwand gegen diesen Typ skeptischer Argumente kann man folgendes lernen. Der Schritt von der Unwissenheit in der einen Beispielsituation zu der generellen Unwissenheit kann sich nicht darauf berufen, dass diese eine Situation epistemisch optimal ist. Denn wenn so eine These in dem Argument eine tragende Rolle spielt, erhält man ein Argument mit einem selbstwiderlegenden Charakter. So eine These ist aber auch gar nicht nötig für ein gutes Argument für den Skeptizismus. In dem dritten Typ von skeptischen Argument, auf den ich nun zu sprechen komme, spielt die Idee einer optimalen epistemischen Situation keine Rolle. Andererseits verwendet auch der dritte Typ nur lokale skeptische Hypothesen, so dass er (anders als der erste Typ) nicht den Einwänden gegen globale skeptische Hypothesen ausgesetzt ist. Diese Argumente funktionieren wie folgt. Sei p eine beliebige empirische Proposition, von der wir normalerweise annehmen, dass wir sie wissen. Etwa: "Ich sitze an meinem Schreibtisch in Berlin." Sei h eine dazu passend gewählte lokale skeptische Hypothese, z. B. dass ich nur träume, dass ich am Schreibtisch sitze. Nun weiß ich offenbar, dass folgendes gilt: Wenn p, dann nicht h. Außerdem weiß ich nicht, ob h nicht vielleicht doch wahr ist. Zusammen mit der Geschlossenheit von Wissen unter bekannter Implikation folgt daraus, dass ich nicht weiß, dass p. Dabei kommt es an keiner Stelle in diesem Argument darauf an, was genau der Inhalt von "p" ist, man kann dieses Argument führen für jede empirische Proposition über die uns umgebende Welt, von der wir normalerweise annehmen, dass wir sie wissen. Keine davon wissen wir also. In der obigen Formulierung ist der entscheidende Schritt zu sagen, dass man sich für jede Wissensbehauptung eine lokale skeptische Hypothese ausdenken kann, die nicht auszuschließen ist, die man aber ausschließen können müsste, damit die Wissensbehauptung wahr sein kann. Die Behauptung, die hinter dem Argument steht, ist, dass es immer gelingen wird, sich eine passende skeptische Hypothese auszudenken. Der Skeptiker sagt also: "Für alles, was du zu wissen glaubst, kann ich dir immer eine Möglichkeit beschreiben, wie die Welt ganz anders sein könnte, als du glaubst, die du durch nichts ausschließen kannst; und deshalb weißt du nichts über die Welt, die dich umgibt." Das ist meines Erachtens der stärkste Typ des skeptischen Argumentes - und wenn man als Erkenntnistheoretiker dem Skeptizismus etwas entgegen setzen will, dann ist es diese Form, mit der man sich auseinandersetzen muss.